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Grenzen des Friedens: Ein Blick auf Pazifismus in der Politik und Beschwichtigung in einer Partnerschaft

30.06.2024

Die Welt von heute ist voll von Spannungen zwischen Ländern und bewaffneten Konflikten. Das lässt uns fragen: Sind pazifistische Ideen noch sinnvoll und wirksam?
Bezogen auf Partnerschaften könnte die Frage heißen: Sollte man immer freundlich sein und beschwichtigen? Oder ist es sinnvoller, die eigenen Grenzen entschlossener zu verteidigen?

Aus Anlass des Auftritts des bekannten Theologe Eugen Drewermann, der am 23. Juli 2024 nach Schweinfurt kommt und seine These „Nur durch Frieden bewahren wir uns selbst“ vorstellt, möchte ich das Thema näher beleuchten.

Blinde Flecken der pazifistischen Friedensbewegung

Bekannte Personen wie Mahatma Gandhi und Martin Luther King Jr. haben gezeigt, dass man ohne Gewalt große Veränderungen erreichen kann. Die Erfahrung aus zwei Weltkriegen und die Bedrohung durch Atomwaffen waren Antreiber der Friedensbewegung.

Aber schon in den 1960er bis 1980er Jahren war der Pazifismus der Friedensbewegung in Deutschland oft zu einfach gedacht. Friedensaktivisten bewunderten sozialistische Länder, ohne deren reale Probleme zu sehen. Man blendete die Unterdrückung freier Meinungsäußerung, die Verletzung von Menschenrechten, die reale wirtschaftliche Not und die Verfolgung von Kritikern ganz oft einfach aus.

Heutzutage zeigt der Krieg Russlands gegen die Ukraine, dass die Idee der Gewaltlosigkeit allein keinen Frieden bringt. Der Aggressor ist an Frieden gar nicht interessiert. Anders gesagt: Friedenswünsche stoppen keine Angreifer und Friedfertigkeit kann sogar als Schwäche ausgenutzt werden.

Sie können nicht mit jemandem über Frieden verhandeln, der gekommen ist, um Sie zu töten.

Golda Meir

Besser wäre es, eine Balance zwischen Kooperation und Selbstbehauptung zu finden. Kampf wenn nötig, Friedfertigkeit wenn möglich. Ich nenne es einen realistischen Pazifismus.

Vom Weltfrieden zur Harmonie zu Hause: Wenn Beschwichtigung in Beziehungen und Partnerschaften nichts bringt

Ein realistischer Pazifismus lässt sich auch auf unsere persönlichen Beziehungen und Partnerschaften übertragen.

In gesunden Beziehungen streben Partner nach Harmonie und gegenseitigem Verständnis. Gleichzeitig ist es wichtig, bei Bedarf eigene Grenzen zu setzen und zu verteidigen. Das bedeutet:

  1. Offene Kommunikation pflegen, aber auch klar „Nein“ sagen können, wenn persönliche Grenzen überschritten werden.
  2. Konflikte durch Dialog und Kompromisse lösen, aber die eigenen Bedürfnisse und Werte nicht aufgeben.
  3. Bereit sein, sich selbst zu behaupten, wenn der Partner unfair oder verletzend handelt.
  4. Nach Konflikten wieder aufeinander zugehen und an der Beziehung arbeiten.

Diese Balance ermöglicht es, authentisch zu sein und gleichzeitig eine tiefere Verbindung zum Partner aufzubauen.

Eine realistische Konflikteinschätzung in Beziehungen bedeutet also nicht, alles hinzunehmen, sondern respektvoll für sich einzustehen und gleichzeitig offen für Versöhnung zu bleiben.

Beschwichtigung in der Partnerschaft 1

Grenzen setzen in Beziehungen: Eine Stärke, keine Schwäche

In zwischenmenschlichen Beziehungen ist das Setzen von Grenzen oft missverstanden. Viele fürchten, dass klare Grenzen eine Beziehung belasten oder gar zerstören könnten. Doch das Gegenteil ist der Fall: Gut gesetzte Grenzen können Beziehungen stärken und vertiefen.

Die paradoxe Wirkung von Grenzen

Paradoxerweise führt die Fähigkeit, „Nein“ zu sagen und persönliche Grenzen zu setzen, oft zu tieferen und authentischeren Verbindungen.

Dies hat mehrere Gründe:

  1. Selbstrespekt fördert Respekt: Wer seine eigenen Grenzen respektiert, wird auch von anderen eher respektiert. Partner lernen, was akzeptabel ist und was nicht, was zu weniger Konflikten und mehr gegenseitiger Achtung führt.
  2. Klarheit schafft Sicherheit: Klare Grenzen geben beiden Partnern ein Gefühl von Sicherheit. Jeder weiß, woran er ist, was Unsicherheiten und Missverständnisse reduziert.
  3. Authentizität ermöglicht echte Nähe: Wer seine Grenzen kennt und kommuniziert, kann authentischer in der Beziehung sein. Dies ermöglicht eine tiefere emotionale Verbindung, da beide Partner ihr „wahres Selbst“ zeigen können.
  4. Selbstständigkeit stärkt die Beziehung: Grenzen fördern die Individualität beider Partner. Dies verhindert ungesunde Abhängigkeiten und ermöglicht eine Beziehung zwischen zwei eigenständigen Personen.

    Das Setzen von Grenzen fördert die Fähigkeit, Konflikte konstruktiv anzugehen. Dies stärkt die Resilienz der Beziehung.

Konsequenzen für unakzeptables Verhalten in Beziehungen

In Partnerschaften müssen auf unakzeptables Verhalten angemessene Konsequenzen folgen.

Bei wiederholten Grenzüberschreitungen – ob verbale Aggression, Gewalt, Manipulation oder Pflichtvernachlässigung – sind klare Konsequenzen nötig.

Diese reichen von der Neubewertung der Beziehung bis zur vorübergehenden Distanzierung. Im äußersten Fall kann eine Trennung notwendig sein.

Konsequenzen sollten vorab kommuniziert, angemessen und konsequent umgesetzt werden. Zur Not sollte man sich hier Hilfe holen.

Paradoxerweise können Konsequenzen Beziehungen stärken, indem sie zur Auseinandersetzung mit Problemen zwingen. Ziel ist eine Atmosphäre des Respekts und der Verantwortlichkeit, in der sich beide sicher und wertgeschätzt fühlen.

Eine Paartherapie oder Paarberatung kann Klarheit und Stärkung schaffen, um Entscheidungen treffen zu können.

Zusammenfassung

Der Slogan „Nur durch Frieden bewahren wir uns selbst“ verkennt Realitäten der aktuellen Weltpolitik.

Dasselbe gilt für Partnerschaften. Beschwichtigung führt irgendwann nicht weiter. Eher das Gegenteil ist richtig.

Ein realistischerer Blick ist gefragt, der Diplomatie und friedliche Lösungen bevorzugt, aber auch bereit ist, Grenzen zu setzen und diese aktiv und mit Nachdruck zu verteidigen.

Naiv ist Pazifismus oder Beschwichtigung ganz besonders, wenn eine Konfliktpartei nicht an Frieden interessiert ist oder nicht friedensfähig ist.

In Beziehungen wie in der internationalen Politik gilt: Kooperation und Dialog sind anzustreben, müssen aber mit der Fähigkeit zur Selbstbehauptung einhergehen.

Das Setzen klarer Grenzen und das Ziehen von Konsequenzen bei deren Überschreitung sind explizit keine Schwächen, sondern Stärken. Sie fördern gegenseitigen Respekt, Authentizität und letztlich tiefere Verbindungen.